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Das Murmeltier grüßt

Ole Singelmann, Geschäftsführer hagebaumarkt Husum und Leck
Ole Singelmann, Geschäftsführer hagebaumarkt Husum und Leck

 

Immer wieder kommen die gleichen Argumente, wenn es darum geht, zu begründen, warum das Internet besser ist als der Kauf vor Ort. An vielen Anmerkungen ist sogar was dran, aber nicht immer weiß der Endverbraucher, was alles dahinter steckt.

 

Kaufe vor Ort ging mal einigen Behauptungen auf den Grund:

1. Im Internet ist es billiger

2. Im Internet ist es schnell lieferbar und kommt direkt ins Haus

3. Der Händler vor Ort hat anscheinend kein Interesse daran, sich um eine Lieferung zu kümmern

 

Auslöser einer Diskussion auf einer Social-Media-Plattform war die Bestellung eines Handys, das vor Ort gar nicht oder mit langer Lieferzeit und teurer zu bekommen war. Folge: Es wurde online bestellt.

Für den Kunden doppelt schön, billiger und schneller ist er nun an seinen Wunschartikel gekommen. Nun könnte man sagen: „Wieso? Alles okay! Kunde glücklich, was will man mehr?“

 

Aber kann man es sich so leicht machen? Und was passierte eigentlich im Hintergrund oder welche Auswirkung hat es auf die Zukunft in der Region?

 

Ole Singelmann ist jemand, der sich beruflich stetig mit solchen Aussagen konfrontiert sieht und für seinen Betrieb täglich mit dem großen „Mitbewerber Internet“ zu tun hat. Der Geschäftsführer eines Baumarktes spricht einmal - unabhängig von seinem Produktportfolio - aus der Praxis.

 

Ole Singelmann: 

"...und ewig grüßt das Murmeltier. Aus Sicht des Händlers hat dieser alles richtig gemacht. Das besagte Produkt ist für den Händler margenschwach. Der Produktzyklus sehr kurz. Markenware/Massenartikel findet man fast immer günstiger im Netz. Warum es dann auf Lager legen? Ein lokaler Händler kann niemals das komplette Sortiment des Netzes vorrätig haben. Er muss sich auf Artikel konzentrieren. Mit ca. 20 Prozent der Artikel macht der Händler 80 Prozent seines Umsatzes (das Pareto-Prinzip ) . Aber wenn es darum geht, lokal zu unterstützen oder Gewerbesteuer zu zahlen, dann klopft niemand bei Amazon & Co. an und niemand interessiert sich für das Lohnniveau und die Ökologie der Netzanbieter. Der Preis steht dann über allem. Die Anfragen nach lokaler Unterstützung von Projekten nimmt von Jahr zu Jahr zu, aber gekauft wird im Netz. Kann das auf Dauer funktionieren? Wir werden uns dann wohl an verödete Innenstädte und leere Gemeindekassen gewöhnen müssen. Der größte Gewerbesteuerzahler der Kommunen ist meistens der Handel. Wahrscheinlich sind dann die Ersten, die nach Unterstützung der Gemeinden rufen, vermutlich diejenigen, die zu rückläufigen Einnahmen durch Internetkäufe beigetragen haben. Es gab mal Zeiten, da hat man ein Produkt gekauft, weil es einem der Preis wert war. Ich würde mir als lokaler Händler dieses spezielle Produkt auch nicht aufs Lager legen. Kaum etwas daran zu verdienen und morgen schon wieder Technik von gestern."

 

 

Aber wenn ich es als Endverbraucher im Netz bestellen kann, warum kann das der örtliche Händler nicht?

 

Ole Singelmann:

"Auch wir müssen oftmals kapitulieren. Aktuell haben viele Lieferanten von uns sechs bis acht Wochen Lieferzeit. Die kommen nicht hinterher. Das ist das eine. Das andere ist, dass der Internethandel sich über Umschlagshäufigkeit rechnet. Dafür sind die Kosten des stationären Handels zu groß. Internethändler brauchen in der Regel kein komplettes Sortiment abzubilden, sondern konzentrieren sich auf die besagten 20 Prozent. Der stationäre Handel kann das nicht. Er muss ein Sortiment mit Auswahl abbilden, damit er als „kompetenter Händler“ wahrgenommen wird. Aber dazu kommt: Wo soll der Händler ein einzelnes Gerät herbekommen. Beim Hersteller müssen in der Regel ganze VE‘s (Verpackungseinheiten) abgenommen oder Frei-Haus-Grenzen erreicht werden. Kann er es einzeln beziehen, dann ist meistens ein Zwischenhändler dazwischen, der es bei solchen Produkten  unwirtschaftlich macht. Der besagte Onlinehändler hat sich vermutlich auf etwas spezialisiert und kann auf Grund des Umschlages sich von diesem Produkt größere Mengen hinlegen, aber der lokale Händler hat nur ein begrenztes Einzugsgebiet und hätte damit große Schwierigkeiten. Im Zweifelsfall müsste er ja alle Varianten dieses Produktes und anderer Marken vorrätig haben. Wenn dann der „spezialisierte Händler“ dann eventuell noch diesen Artikel aus anderen Ländern importiert, um mehr Marge zu machen, dann ist der lokale Händler raus aus der Nummer. Innerhalb Europas werden Markenprodukte zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Sie richten sich oftmals nach der Kaufkraft oder BIP (Bruttoinlandsprodukt ) des Landes. Die Hersteller wissen das und schauen nur zu. Denen ist es weitestgehend egal, wo und wie etwas von deren Produkten verkauft wird und ob der Handel damit noch einen auskömmlichen Ertrag erzielen kann."

 

 

Aber es ist doch ein beworbenes Angebot? Warum versucht der Händler nicht wenigstens, sich zu kümmern? Selbst, wenn nur wenig dabei über ist, gehe ich doch vielleicht beim nächsten Mal wieder hin und kaufe auch was Größeres?

 

Ole Singelmann:

"Grundsätzlich gebe ich da Recht. Aber das sind natürlich alles Eigenschaften, die online nicht gefragt werden. Wenn es nicht mehr verfügbar ist, wird es online akzeptiert, weitergesucht und ein persönlicher Kontakt findet dort kaum statt. Ich bin mir sicher, dass es ansonsten ähnlich wäre."

 

Der Service steht beim Kauf in der Region also immer noch an erster Stelle, ansonsten wäre ein Geschäft schon "weg vom Fenster"? Schlägt das den Preis?

 

Das sehen Verbraucher differenziert. Wo Beratung oder Wartung nötig ist, nimmt man gerne den Anbieter der Region, der kommt, erklärt und repariert. Wo es selbsterklärend und wartungsfrei ist, entscheidet oftmals der Preis und das Angebot, den Artikel frei bis vor die Tür geliefert zu bekommen. Im Garantie- oder Reparaturfall stehen nicht selten die Käufer dann im lokalen Handel und bitten um kostenfreien Service.

 

Ole Singelmann:

"Wenn der Internethandel die gleichen Kosten hätte (insbesondere Personal und Steuern), dann könnte er auch nicht den stationären Handel unterbieten. Das wird aber noch belohnt und toleriert von den Schnäppchenjägern. Aber nur solange, wie man selber nicht davon betroffen ist und/oder seinen eigenen Vorteil daraus zieht."

 

Eine traurige Entwicklung, nennt der erfahrene Geschäftsmann das.

Aber auch Corona-bedingte Einschränkungen machen den Internetkauf für viele attraktiv, die nicht gerne mit Maske einkaufen gehen wollen. Genauso, wie das oft eingeschränkte Angebot im ländlichen Bereich. Und viele sehen eher keine „Beratung“, zum Beispiel in einem Baumarkt.

 

Ole Singelmann:

"Das ist eine eher pauschale Kritik. Die meist gestellte Frage bei uns ist: „Wo finde ich?“ Der Beratungsbedarf nimmt immer weiter ab, da die Kunden sich oftmals vorab informieren und manchmal Informationen haben, die unsere Mitarbeiter nicht haben können. Wenn jemand sich alle vermeintlichen Infos über EIN Gerät in allen Facetten online holt, wie soll der Verkäufer diese Informationen über HUNDERTE von Geräten haben? Leider sind manche Kunden nicht bereit für Beratung und Service einen Preis X zu zahlen, wenn man das Gerät online billiger bekommt. Wie soll das funktionieren? Sollen die Mitarbeiter weniger verdienen, damit man auf die Internetpreise einsteigen kann? Der mit Abstand größte Kostenblock sind nun mal die Personalkosten. Auf einem höheren Niveau als bei Amazon & Co. Auf der einen Seite soll man anständige Löhne bezahlen, auf der anderen Seite sind Kunden nicht bereit, das zu honorieren. „Wasch' mich, aber mach' mich nicht nass.“ Das passt halt nicht zusammen. Geschweige denn vom ökologischen Wahnsinn durch den Versandhandel. Das wird dann alles toleriert."

 

Aber wenn man vor Ort sehr viel teurer einkauft als im Netz?

 

Ole Singelmann:

"Man kann auch eine Pizza bestellen, die kostet dann die Hälfte und schmeckt genauso gut oder besser. Bekommt der Mitarbeiter im Restaurant Koch/Kellner den gleichen Lohn/Trinkgeld wie etwa beim Pizzaservice der Koch/Fahrer? Was ich damit sagen möchte: Man findet immer jemanden, der irgendwo irgendwie günstiger ist."

 

 

Aber mit dem "billiger" hat auch sein eigener Betrieb zu kämpfen.

 

Ole Singelmann:

"Ich selber habe Produkte, die ich im Netz günstiger einkaufen könnte statt bei meinen Lieferanten. So hat ein deutscher Markenhersteller sich geweigert, eine Heimwerkermaschine an einen  Discounter zu liefern. Die osteuropäische Gesellschaft des gleichen Herstellers, hatte als eigenständige Gesellschaft, weniger Vorbehalte. Anschließend wird uns von den Kunden nun vorgeworfen, dass wir uns eine goldene Nase verdienen wollen. Eine andere Marke haben wir aus dem Sortiment genommen, weil wir nur noch bei 2,5 Prozent Marge waren, um halbwegs den Onlinepreisen standhalten zu können."

 

 

Es ist also weiterhin nicht einfach, den Spagat zwischen den Wünschen der Kunden und den notwendigen Interessen des regionalen Handels zu schaffen, um Arbeitsplätze mit einem adäquaten Einkommen für die Familien vor Ort zu sichern und auch für entsprechendes Steueraufkommen zu sorgen. Denn nur das hilft vor Ort, Angebote in sozialen, kulturellen und sportlichen Bereichen weiter zu ermöglichen. Und die Gewerbetreibenden sind diejenigen, die nebenher mit ihrem Sponsoring so manche Veranstaltung oder so etliche Hilfsaktionen erst möglich machen.

 

Wenngleich vielleicht nun nicht jeder sofort in den nächsten Laden geht, um ausgiebig dort zu shoppen, konnte wenigstens nun etwas Licht ins Dunkel gebracht werden, warum manches im Laden vor Ort eben nicht billiger ist oder unbegrenzt und sofort verfügbar ist.

 

Der Verbraucher muss sich aber entscheiden, was er unterstützen möchte. Eine einigermaßen funktionierende Struktur und entsprechende Lebensqualität in seinem Umfeld oder nicht gerade umweltfreundliche Transportmengen und Rückläuferverschrottungen sowie oft schlechte Arbeitsbedingungen und Steuergeldabwanderung ins Ausland.

 

 

 

Schlussanmerkung: Ohne die Steuereinnahmen aus dem örtlichen Handel wären zum Beispiel Soforthilfeprogramme und Kurzarbeitergelder in Corona-Zeiten gar nicht möglich gewesen. Nur zwei Dinge, um die uns die ganze Welt derzeit beneidet.

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